Leistungen
Wenn unser Körper über längere Zeit im Stressmodus bleibt, kann es schwer werden, wirklich zur Ruhe zu kommen, klar zu denken, uns zu konzentrieren oder Neues aufzunehmen.
Besonders wichtig ist dabei der Vagusnerv. Er verbindet unseren Körper und unser Gehirn und transportiert ständig Informationen in beide Richtungen. Rund 80% seiner Fasern leiten Informationen vom Körper zum Gehirn, etwa 20% vom Gehirn zurück zum Körper. Diese Verteilung ist einer der Gründe, warum der Vagusnerv heute oft als wichtige Kommunikationsstraße zwischen Körper und Gehirn beschrieben wird. Er übermittelt ständig Informationen über den Zustand der inneren Organe an Hirnstamm und höhere Hirnzentren und zeigt eindrucksvoll, wie eng Körper und Gehirn miteinander verbunden sind.
Genau hier finde ich Biofeedback so spannend. Es macht etwas sichtbar, das wir normalerweise kaum bewusst wahrnehmen: Was passiert gerade in meinem Körper? Mit verschiedenen Biofeedback-Methoden können wir zum Beispiel Herzfrequenz, Herzratenvariabilität (HRV), Atmung, Muskelspannung oder Hautleitfähigkeit beobachten. Beim Atemfeedback können wir wahrnehmen, wie sich eine bewusst ruhigere Atmung auf unseren Körper auswirkt. HRV-Biofeedback macht die Verbindung zwischen Atmung, Herz und autonomem Nervensystem sichtbar. Muskel- oder Hautleitfähigkeits-Biofeedback kann zeigen, wann unser Körper angespannt oder aktiviert ist.
Neurofeedback geht dabei noch einen Schritt weiter und richtet den Blick direkt auf die Gehirnaktivität. Über EEG-Sensoren werden elektrische Aktivitäten des Gehirns gemessen und in Echtzeit zurückgemeldet. Dadurch können wir lernen, bestimmte Zustände von Aufmerksamkeit, Entspannung oder Aktivierung bewusster wahrzunehmen und zu beeinflussen.
Genau diese Verbindung ist für mich faszinierend: Biofeedback gibt uns einen Einblick in den Körper – Neurofeedback in die Aktivität des Gehirns. Beides kann uns helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen und unsere eigene Regulation bewusster wahrzunehmen. Und genau das verändert auch unseren Blick auf das sogenannte „Unterbewusstsein“. Viele unserer Gefühle, Reaktionen und automatischen Muster entstehen aus dem Zusammenspiel von Körper, Gehirn und unseren Erfahrungen. Unser Körper sendet dabei ständig Informationen an unser Gehirn – oft lange bevor wir bewusst darüber nachdenken.
Gleichzeitig gibt es etwas sehr Hoffnungsvolles: Unser Gehirn bleibt veränderbar. Wir sind also nicht für immer festgelegt auf das, was wir bisher erlebt oder gelernt haben. Wenn wir beginnen, unsere Gedanken, Körperreaktionen und Gewohnheiten bewusster wahrzunehmen, entsteht Raum für Veränderung. Veränderung bedeutet deshalb nicht automatisch, noch mehr zu leisten oder sich noch mehr zusammenzureißen.
Manchmal beginnt sie ganz anders: innehalten, wahrnehmen, verstehen, zur Ruhe kommen, dem eigenen Körper und Gehirn wieder zuhören und Schritt für Schritt neue Erfahrungen machen
Biofeedback und Neurofeedback können dabei wie ein Spiegel sein. Sie machen Prozesse sichtbar, die sonst weitgehend unbewusst ablaufen. Vielleicht müssen wir nicht immer mehr tun, um uns zu verändern. Vielleicht dürfen wir manchmal zuerst wieder lernen, wahrzunehmen, was in uns passiert, unser Nervensystem bewusster zu regulieren und neue Erfahrungen von Ruhe, Sicherheit und Selbstwirksamkeit zu machen.